Brigo
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San Blas Inseln, Panama

 

Nach bewegter, anfangs stürmischer Überfahrt und 2 ziemlich schaukeligen Tagen sind wir am 30.12. ganz früh morgens hier in den San Blas, Panama eingetroffen. Wir starteten schon um 4.00 Uhr früh in Santa Marta.

Die ersten 8 Stunden steuerte der Kapitän fast durchgängig von Hand, ob der ungemütlichen, kurzen, steilen Wellen. Die Segelfläche hatten wir auf Handtuchgrösse herabgesetzt.

 

Nun kurven wir durch das Gebiet mit den 365 Inseln, etwa 80 Seemeilen lang, bis etwa 10 Meilen breit. Früher war das mal ein einsamer Geheimtip und Traumziel der Seglergemeinde. Da kostete der Eintritt in dieses Gebiet, welches den Kuna Indianern gehört und von ihnen weitgehend autonom verwaltet wird, 8 US. In 2005. Heute, 2013, kostet der Eintritt 193 US plus 100 US, overtime-fee; Zuschlag, weil wir Sylvester bzw. Neujahr einklarieren.

Es sind einige Charterboote hier. Immer noch sehr überschaubar, aber nix mehr mit Einsamkeit.

In den ersten Tagen haben wir bedeckten Himmel und stärkeren Wind, das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Es macht fast depressiv, das Grau, wie Ostsee. Nun scheint wieder die Sonne, der Wetterbericht ist OK für die nächsten Tage.

Wir schiffen also vorsichtig durch die Inselwelt, die von unzähligen Korallenriffen und gefährlichen Untiefen durchzogen ist. Ein grosses Aussenriff hält allerdings in einem weiten Bogen die Wellen der offenen See ab, die unablässig gegen dieses Bollwerk anrennen und dabei riesige Gischtfontänen erzeugen. Die Inseln sind flache Sandhügel und dicht mit Palmen bestanden. Darunter verborgen die Hütten der Kuna: grosse Dachkonstuktionen mit Palmwedeln und Palmstroh gedeckt, keine Wände. Klimaanlage auf Kuna. Wasser vom Festland und Strom vom Dieselgenerator gibt es nur auf wenigen Inseln, wo dann auch einige gemauerte Häuser zu finden sind.

Die Kuna paddeln nach wie vor in selbst behauenen Einbäumen zum Fischen, bieten Molas (selbst gefertigte Stoffbilder), kunstvoll aufgezogene Armbänder aus winzigen, bunten Glasperlen und eben Fisch, Riesenkrabben und Lobster zum Kauf an. Zum Glück sperren sie sich noch sehr gegen die Segnungen von Coca Cola und Co.

Bei der Jugend scheint die Konsumgesellschaft schon eher angekommen zu sein. Da sehen wir schon mal Jeans, kleine Digitaluhren und zwei junge Fischverkäufer fragen nach Coca Cola Dosen statt des üblichen Wassers. Fisch kostet standartmässig 2 US pro Tierchen, egal welches. Für heute haben wir Lobster bei Eduino, dem Fischer unseres momentanen Vertrauens, bestellt. Kostet 5 US pro Pfund. Er fischt sie einfach per Hand im knietiefen Wasser hinter dem Korallenriff. Sein grösster Fang war ein 8 Pfund-Lobster. Schliesslich erhalten wir einen kleinen Lobster und eine Riesenkrabbe. Mit Kräuterbutter gegessen ein fangfrischer Hochgenuss. Mittlerweie ankern wir fast im Paradies hinter einer kleinen Palmeninsel im türkiesenen Wasser, umgeben von kleineren Riffen und 3 weiteren Miniinseln. In einer halben Meile Entfernung donnern die Brecher aufs Korallenriff. Am Horizont sind manchmal, wenn der Dunst aufreisst, die Berge des panamesischen Festlandes zu sehen. Ein freudiger Zufal: die Alyone, unser grosses Schwesterschiff kommt unverhofft um die Inselecke direkt auf uns zu. Endlich mal wieder deutsch reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die Alkyone werden wir in einer Woche in Shelter Bay Marina, Colon zum Crewwechsel wiedersehen.

Auf unserer Tour ankern wir immer wieder mitten im Paradies: vor palmenbestandenen Inselchen im türkiesenen Wasser, erkunden die Über- und Unterwasserwelt. Schwelgen in Lobsterorgien.

Kontrastprogramm: Corazon de Jesus und Nargana, Inselnachbarn und Hauptorte im zentralen Kunagebiet. Sie sind durch eine Fussgängerbrücke verbunden. Doch ansonsten vermitteln sie mit den staubig-sandigen "Strassen" eher Wildwestatmosphäre, keine Fahrzeuge. Die meisten Hütten gebaut aus Bambusstäben, gedeckt mit Palmenstroh oder Wellblech. Toiletten sind nur den Gebäuden am Wasser vorbehalten: eine kleine Wellblechhütte aufs Wasser hinaus gebaut... Aber Satelitenschüsseln vielerorts. Frischwasser müssen die Bewohner mittels Einbaumkanu paddelnderweise in Kübeln vom nahen Rio Diablo holen. Wir sind mit unserem Dingy den Rio etwa 2 Meilen hinaufmotort. Für die Paddeler in ihren schweren Einbäumen stromaufwärts eine schweisstreibende Arbeit fürs kostbare Nass. Rechts und links der Flussufer haben die Kuna kleine Plantagen dem Urwald abgerungen, um Gemüse anbauen zu können.

Wir segeln nun küstennah weiter, strotzend-grün die Uferlandschaft und die bald danach aufsteigenden Berge. Hier wurden bestimmt die Bilder für die Krombacherwerbung aufgenommen! 75 Meilen bis Colon am Eingang des Panamakanals segeln wir in 2 Tagen ab. Für lange Zeit dürften dies die letzten gemütlichen Meilen gewesen sein! In Colon haben wir den heimatfernsten Punkt unserer Reise erreicht. 5.000 Meilen, fast 10.000 KM, bis Deutschland.

Panama, Colon und Shelter Bay

 

Die Anfahrt auf die riesigen Wellenbrecher von Colon ist schon wieder ein kleines Abenteuer für sich. Im flachen Wasser steilen sich die Wellen auf und wir umkurven dabei noch die Dampfer, welche auf den Aussenreeden liegen oder ein- und ausfahren. Allerdings, gegen die Einfahrt von Gibraltar ist das hier ein Klacks. Über Funk müssen wir uns die Einfahrterlaubnis durch den „western breakwater“ von Cristobal Control erteilen lassen, damit wir die Grosschiffahrt nicht behindern.

Shelter Bay Marina ist der Absprung für die Segler Richtung Pazifik. Die meisten der etwa 100 Boote dort bereiten sich auf die Passage und die weiten Strecken Richtung französisch Polynesien vor, bunkern Unmengen an Proviant, die müssten gleich untergehen… Fast hätten wir uns angeschlossen. Das Fieber ist allerorten greifbar. Es gibt einen wunderbaren Rundkurs durch den Pazifik: von Polynesien nach Hawaii, dann US Küste, meist südliches Alaska oder, wenn möglich San Francisco, wieder durch den Kanal zurück in den Atlantik. Sehr verlockend!

Für uns ist die Wiedersehensfreude hier besonders groß, treffen wir doch liebe Freunde: zunächst unser großes Schwesterschiff, die Alkyone, mit ihrer alten Crew aus San Blas und der neuen Besatzung, die am Abend mit dem Flieger aus Deutschland eintrifft. Mit Hans quatschen wir noch bis tief in die Nacht. Er ist ganz gerührt, sein altes Schiff so fern der Heimat wieder zu sehen.

Dann läuft uns Erich, der thailändisch-vietnamesische Schweizer über den Weg und schließlich trifft auch noch Martin, der deutsche Solosegler ein. Auch die Johann Smidt kommt in den Hafen zum Crewwechsel. Wir lernen Norbert Bury, den gestandenen Kapitän, kennen.

Mit Hans fahre ich in etwa 45 Minuten nach Colon. Er muss zu den Hafenbehörden, ich brauche einen speziellen amerikanischen Stromstecker. Die Innenstadt von Colon ist ein einziger Schock! Fast alle Häuser sind abbruchreif, keine Fenster und Türen mehr, Müll und Unrat türmen sich in den Ecken, Geschäfte sind vergittert, die Strassen löchrig. Es heißt, die Polizei hätte Colon aufgegeben und des Nachts gilt das Faust-, Messer- oder Revolverrecht. Viele Viertel sind für Ausländer lebensgefährlich. In Panama sind 40% der 3 Mio. Menschen arbeitslos. Die Millioneneinnahmen aus dem ererbten Kanal versickern wohl in dunklen anderen Kanälen. Allerdings werden mit riesigem Aufwand auch neue, größere Schleusen gebaut.

Wir besuchen die Gatun-Schleusen. Von der Besucherterrasse ist der pausenlose Dampferstrom durch die „doppelspurige“ 3 Schleusen-Treppe gut zu verfolgen. 26 Meter Höhenunterschied zwischen Atlantik und Gatunsee sind zu überwinden. Die Schiffe sind auf das Maß der Schleusen ausgelegt. Minimum ist 60cm Platz zwischen Bordwand und Schleusenbeton. Elektrolokomotiven beidseits auf den Kaimauern halten die Schiffe mittels dicker Drahtseile genau auf Position und ziehen und bremsen die Dampfer durch die Schleusenstrasse. Ein kompletter Durchlauf dauert etwa 1 1/2 Stunden.

Von der Marina fährt 2 x täglich ein kostenloser Bus zum Einkaufsparadies am Stadtrand von Colon. Der Rey Supermarkt erfüllt alle Seglerwünsche. Unsere Wünsche sind in vielleicht 10 Einkaufstüten verpackt. Die passen unmöglich noch in den überfüllten Bus. Wir teilen uns mit 2 weiteren Seglern ein Taxi. Das setzt regelmäßig bei Schlaglöchern und Bodenwellen wegen Überlastung des altersschwachen Autos auf.

Das Leben in der Marina ist heile Welt. Den Tag beginnen wir mit einem Bad im Pool, Bille geht zum Joga, dann ausgiebiges Frühstück. Kleine Reparaturen und Instandhaltungen stehen leider ständig auf der to-do-Liste. Wie die Amis sagen: sailing is boat repairing on exotic places. Oder die Deutschen: wir reparieren uns um die Welt. Gern lassen wir uns von einem Schwätzchen aufhalten. Oder schauen den Affen zu, die in den Bäumen, gleich hinter der Marina, herum tollen. Und zur happy hour wird um 17:30 Uhr geläutet. Neben Bier für 1 US bietet das Restaurant Preisgünstiges und Leckeres. Da bleibt die Küche kalt. Wir schließen neue, liebe Bekanntschaften mit Klaus und Marina von der „Yellowman“ ( dies ist eine karibische Raggeegrösse ), mit John und Janet verbringen wir schöne Stunden. Wir kennen sie schon von Curacao. Und dann ist da noch eine weitere Marina aus Deutschland. Sie ist seit 20 Monaten rucksackmäßig in der Weltgeschichte unterwegs. Lange lebte sie in Asien, bis sie auf einem schwedischen Segler nach Amerika Hand-Gegen-Koje mitreisen konnte. Ein couragiertes Mädel, das seinen gut bezahlten Job erst einmal an den Nagel hing.

In der Marina wird allenthalben gebastelt, Transitagenten organisieren die Kanalpassage und den Lotsen. 4 linehandler muss sich der Skipper selber suchen. Die linehandler bedienen in den Schleusen die vier 50 Meter langen, mörderisch schweren Festmacherleinen. Auf jedem Segler sind also, mit dem steuernden Skipper, mindestens 6 Personen vorgeschrieben. Die auch für 2 Tage untergebracht beköstigt werden müssen!

Uns rufen Kuba und Cayman-Island.

Von nun an bringt jede gesegelte Meile BRIGO der Heimat ein Stückchen näher. Wir haben den Umkehrpunkt erreicht. Unser nächstes Ziel ist die kolumbianische Enklave Isla de Providencia, etwa 260 Meilen nach Norden, sportliches Am-Wind-Segeln.

letztes Update :

 

23.10.2018

 

 

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